Am Gasometer auf der Schöneberger Roten Insel befindet sich die Leber-/Ecke Leuthener Straße. Mitten im Milieuschutzgebiet. Dementsprechend entsetzt zeigte sich unsere Hausgemeinschaft, als wir durch eine Befragung des Senats von dem Verkauf unseres Wohnhauses an eine dubiose Immobilienfirma mit zahlreichen Subunternehmen erfuhren. Eine solche Befragung ist Routine, wenn sich das Wohnhaus im Milieuschutzgebiet befindet, da der Senat hier die Möglichkeit hat, sein Vorkaufsrecht auszuüben und den Verkauf an eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft zu unterstützen. Noch haben wir Hoffnung, dass der Senat seiner Verantwortung nachkommt, sein Vorkaufsrecht geltend macht und es somit kein Papiertiger bleibt. Allerdings läuft die Frist schon in wenigen Tagen ab.

Die Situation hat sich für uns bereits mehrfach verschlechtert. Einst gehörte das Haus einer Berliner Einzelperson. Diese verkaufte vor ca. zehn Jahren an einen Unternehmer und unsere Hausverwaltung residierte fortan in der schicken Hamburger Vorstadt. Gleich nach dem Kauf begann dieser Unternehmer zu modernisieren und erhöhte die Mietpreise – jedoch in einem weitgehend sozialverträglichen Rahmen.

Laut Grundbuchauszug ist der neue Besitzer des Hauses die freundlich klingende Havel & Spree Immobilien Gmbh & Co. Kg. Unsere Recherche ergab jedoch, dass sich dahinter die EB-Group verbirgt. EB steht für Enver Büyükarslan, der in der Stadt bereits als Luxussanierer und Umwandler in Eigentumswohnung bekannt ist. Die EB-Group steht nicht für Dinge, die man sich als Mieter*in wünscht: Ansprechbarkeit, Sichtbarkeit und Verantwortung.

Den Mieter*innen bedeutet die Rote Insel sehr, sehr viel. Einige von uns leben bereits seit mehreren Jahrzenten im Haus. Andere sind waschechte Inselkinder. Selbst im Kiez aufgewachsen, ziehen sie heute ihre eigenen Kinder hier groß. Kinder sind überhaupt ein gutes Stichwort: In unserem Eckhaus ist jede Altersgruppe vertreten. Von Kleinkindern über Teenager bis Rentner*innen. Unsere Hausgemeinschaft ist bunt und vielfältig. Wir üben die verschiedensten Berufe aus – von Pflege bis Lehre ist in der Leber-/Ecke Leuthener Straße alles vertreten.

Die an sich schöne Tatsache, dass viele der Mieter*innen der Leber-/Ecke Leuthener Straße bereits so viele Jahre im Haus leben, wird uns jetzt zum Verhängnis: Viele von uns haben sogenannte Altmietverträge. Für Investor*innen bedeutet das: Mit uns lässt sich schlecht Profit machen. Unsere große Sorge ist, dass mal wieder Gewinnmaximierung vor Menschlichkeit geht.

Bei der Mietpreisentwicklung der vergangenen Jahre ist es so gut wie ausgeschlossen, dass die meisten von uns in ihrer Heimat eine neue Bleibe finden werden. Wir fühlen uns von der Politik im Stich gelassen. Hier geht es nicht nur um eine Hausgemeinschaft, sondern um Existenzen. Wo soll eine neunzigjährige Mieterin noch hinziehen? Wozu gibt es ein Vorkaufsrecht, wenn der Senat es kaum anwendet? Wer schützt uns vor verantwortungslosen Investor*innen mit Dollarzeichen in den Augen? Wo sollen Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen zukünftig noch Wohnraum finden, wenn die gesamte Innenstadt ausverkauft wird?

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